Ein Verriss geht immer

Posted: 11th May 2012 by Thomas Weiss in Unterwegs
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55 Kilometer Testfahrt in einem 560 PS Sportwagen. Kann das ein Test werden?
Vielleicht nicht.

Aber ein Verriss ist eigentlich immer drin.

Die Einladung von AMG erreicht mich spät, ich muss mal auf die Schnelle zu einem Freitagstermin nach St. Tropez (der Kollege aus dem Vertrieb hat es aufgegeben den Kopf zu schütteln).
Ich merke mir nur die wichtigsten Eckdaten: SL 63 AMG in St. Tropez, Abflugzeit, Airline. Rückflug über Wien.

Am Check-In lege ich meine Lufthansa-Karte vor:

„Sie haben einen Flug für mich. Nach Frankreich“
„Das ist schön“ antwortet die freundliche Bodensachbearbeiterin. “Wissen Sie schon, ob es Paris, oder vielleicht Lyon sein soll?“
„Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht genau. Südfrankreich.“
„Nizza? Marseille? Toulouse ist ja auch schön!“
„St. Tropez?“
„Nein, da fliegen wir nicht hin.“
„Dann nehm ich Nizza.“
„Schön. Ach, da habe ich Sie schon, Herr Weiss.“
„Kann ich für den Rückflug auch gleich einchecken?“
„Ich schau mal nach. Wissen Sie wohin Sie zurückfliegen wollen?“
„Ich weiß sogar wie!“
„Wie?“
„Über Wien!“
„Tatsache. Das ist aber eine ungewöhnliche Reiseplanung.“
“Ich habe das nicht geplant!“
„Wien ist ja auch schön. Und jetzt wissen Sie wenigstens wohin Sie fliegen.“
„Ja, das habe ich Ihnen zu verdanken.“
„Gerne, Herr Weiss. Und eingecheckt sind Sie jetzt auch schon mal, bis zurück nach München. Aber nicht Ihr Gepäck: Das geht nur bis Nizza!“
„Das will ich hoffen, ich glaube ich brauch das noch.“
„Sicher?“
„Nein.“

Wir verabschieden uns mit einem Lachen und wenn heute noch irgendwas Dummes passierte, mir würde es nichts ausmachen.

Auf dem Flug führe ich mir das Programm zu Gemüte. Mich beschleicht ein leiser Verdacht: Unter Autojournalisten gilt es als untrügliches Zeichen für ein, nunja, suboptimales Produkt, wenn das Rahmenprogramm aufgeblasen wird – es kann von Unzulänglichkeiten ablenken, so das Kalkül der Veranstalter. Für die SL-Präsentation ist ein Shuttleservice zwischen Nizza und St. Tropez eingeplant. Mit dem Hubschrauber. Aus Zeitgründen, heißt es.
„Das wird eine ziemliche Möhre sein“, denke ich mir.

Ja, wir sind schon verwöhnt, wir Autojournalisten.

Die Kollegen haben bereits über 200 Testkilometer hinter sich als ich abends zur Produktpräsentation komme. Die AMG-Spezialisten erklären den SL 63 (mehr Leistung, weniger Verbrauch, Tempo 300 ist eh‘ klar) im Detail und ich freue mich auf meine 35 Testkilometer am nächsten Tag, ohne Autobahn.
Der Hubschrauber nach dem Mittagessen soll mich bestimmt von irgendwas ablenken.

Der nächste Tag geht gar nicht gut los. Das Betthupferl am Vorabend (eine Gelee-Praline) war wohl schlecht. Ich muss den Wagen mit einem Kollegen teilen. Ich muss mich übergeben. Mangels Übung werde ich im Laufe des Tages Muskelkater in der Zunge kriegen.

Ich fahre genervt los und in gut eineinhalb Stunden tatsächlich 55 Kilometer, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 35 km/h. Lediglich der Verbrauch von 30 Litern lässt auf artgerechte Bewegung des AMG schließen. Von den sieben Gängen benutze ich nur vier. Unter dem Strich bin ich also 23 Prozent der Teststrecke gefahren, habe 57 Prozent der angebotenen Gangstufen genutzt um 12% des möglichen Maximaltempos zu erfahren. Ob 30 Prozent für einen Test reichen, frage ich mich und weiß: Ein Verriß geht eigentlich immer.

Ein Kollege bringt es beim Lunch auf den Punkt: „Fressen, kotzen, fressen, kotzen und sich dann auch noch beschweren: So geht’s doch nicht, Thomas.“ Er hat natürlich völlig Recht. Und der Artikel zum SL 63 AMG ist doch kein Verriss geworden.

Es lag nicht am wirklich guten Mittagessen. Oder am Hubschrauberflug.

Vielleicht lag es einfach nur am geilen Auto.

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